Verantwortung – und jetzt!?

Verantwortung übernehmen, in die Verantwortung gehen, Verantwortung tragen, verantwortlich sein, sich verantwortlich fühlen, sich der Verantwortung stellen – Formulierungen wie diese begegnen einem häufig in der Organisationsentwicklung. Sehr häufig. So häufig, dass ich mir Gedanken mache, ob es eine Marotte der Berater ist, ständig auf dem Thema Verantwortung herumzureiten oder ob deren Eindruck, dass viele Führungskräfte und Mitarbeiter sich vor Verantwortung scheuen, doch stimmt.

Was heißt Verantwortung eigentlich?

Der Begriff leitet sich von dem Lateinischen Verb „respondere“, also „antworten“, ab. Auf www.duden.de findet man folgende Bedeutung: „[mit einer bestimmten Aufgabe, einer bestimmten Stellung verbundene] Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass (innerhalb eines bestimmten Rahmens) alles einen möglichst guten Verlauf nimmt, das jeweils Notwendige und Richtige getan wird und möglichst kein Schaden entsteht sowie Verpflichtung, für etwas Geschehenes einzustehen [und sich zu verantworten]“.

Spannend gestaltet sich ein Ausflug in den angelsächsischen Sprachraum: „responsibility“ leitet sich ebenfalls vom Lateinischen „respondere“ ab. Jedoch bietet das Englische eine weitere Möglichkeit der Herleitung, wie sie z.B. Stephen Covey in Anlehnung an Victor Frankls Prinzip der Pro-Aktivität in seinem Bestseller „The 7 Habits of Highly Effective People“ vornimmt. Hier wird „Responsibility“ als eine Wortzusammensetzung aus „response“, also „Antwort“ bzw. „Reaktion“ und „ability“, der „Fähigkeit“ verwendet.

Damit geht eine völlig andere Konnotation einher, nämlich die, dass eine verantwortliche Person in der Lage ist, auf eine bestehende Situation zu antworten oder zu reagieren bzw. eine Entscheidung zu treffen. Und zwar ohne sich von anderer Stelle Unterstützung zu holen, d.h. aufgrund des eigenen Engagements und der eigenen Kompetenz. Verantwortung zu übernehmen bedeutet hier, sich als kompetenter Mensch Herausforderungen zu stellen und Lösungen zu gestalten.

Mal abgesehen von der Frage, ob die Ableitung etymologisch korrekt ist, bietet diese Variante doch den Charme einer deutlich aktiveren Ausrichtung. Und genau davon braucht es mehr in Unternehmen, wenn man auf die sich verändernden Arbeitsbedingungen sieht.

Ein Blick in die Praxis

Warum ich dieser Auffassung bin, zeigt ein Blick auf ein Beispiel in der gängigen Praxis: Vielleicht kennen Sie auch die Situation am Ende eines langen Workshoptages: Alle sind erschöpft und sehen sich schon bei einem Kaltgetränk an der Bar, sehen sich dabei, endlich das dringende Telefonat mit dem Vorgesetzten oder dem Kunden hinter sich zu bringen, im Auto zu sitzen und Richtung Heimat aufzubrechen. Und jetzt bittet der Berater darum, „Hüte aufzusetzen“, Verantwortliche zu benennen, damit die erarbeiteten Maßnahmen und Aufgaben auch einer nachhaltigen Umsetzung zugeführt werden können.

Dies ist häufig der anstrengendste Teil einer Veranstaltung, der zumeist mit einem Schweigen im Raum, begleitet durch die betretenen Blicke der Verstummten seinen Anfang nimmt. Nicht immer muss man fairerweise sagen, es gibt durchaus Gruppen, die mit gutem Engagement und sehr zielführend Kollegen identifizieren, die sich um die weiteren Arbeiten kümmern.

Doch warum wird es in vielen Fällen ruhig im Raum, warum blickt man in Gesichter, die einen an das erinnern, was man zu Schulzeiten sehen konnte, wenn es darum ging, eine komplizierte Gleichung an der Tafel vorzurechnen? Jetzt muss Verantwortung für eine Aufgabe übernommen werden. Und jeder weiß, was das bedeutet: die Aussicht auf ein wahrscheinlich lustloses Unterfangen, im schlimmeren Fall keinerlei Identifikation mit der Sache und vor allem mehr Arbeit – es gibt doch weiß Gott schon genug zu tun.

Manche Gruppen versuchen sich durch einen Trick zu behelfen: die Verantwortung teilen und auf mehrere Köpfe zu verlagern. Damit trägt – gefühlt – jeder nur ein bisschen Verantwortung, frei nach dem Motto: „geteiltes Leid ist halbes Leid“. Dies funktioniert allerdings nur in der irrationalen Vorstellung der Betroffenen. In der faktischen Welt bedeutet geteilte Verantwortung zumeist: es passiert überhaupt gar nichts. Ausflüchte, wie „Das hatte ich so nicht verstanden.“ oder „Ich wusste nicht, dass ich damit gemeint war!“ sind konsequenterweise im Nachgang zu hören.

Wie immer, sind am Ende des Tages alle Aufgaben und Verantwortlichkeiten verteilt. Der Prozess, der zu diesem Ergebnis geführt hat, dürfte weniger Kaugummi enthalten, dürfte leichter und energetischer sein.

Und jetzt!?

Mit Blick auf unsere sich verändernde Arbeitswelt, die ein deutlich höheres Maß an eigenverantwortlichem Agieren bei allen Beteiligten voraussetzt, finden wir, dass es sich lohnt die aktivere Bedeutung des Begriffs, die uns das Englisch anbietet, im Hinterkopf zu haben. Immer dann, wenn es darum geht Verantwortung zu übernehmen. Damit den anstehenden Herausforderungen proaktiv und gestalterisch begegnet wird.